Astrologie

Der Große: Die Urform des Wassermanns
Ea, die Ströme aus der Tiefe – und wie aus einem Gott ein Mundschenk wurde

Der Wassermann war in Babylon kein Diener, sondern „der Große“: der Gott des Süßwassers, aus dessen Schultern die Ströme fließen.

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Ein Gott mit Hörnerkrone aus Sternen steht mit einem Fuß auf einem Berg, aus seinen Schultern fließen Wasserströme mit Fischen, darunter ein Fisch aus Sternen im dunklen Meer

Der Große

Im Keilschrift-Kompendium MUL.APIN, nach der Edition von Hermann Hunger und David Pingree um 1000 v. Chr. zusammengestellt, steht auf der Bahn des Mondes ein Sternbild namens GU.LA, „der Große“. Wer damit gemeint ist, sagt das Kompendium selbst: Es verbindet den Großen mit Ea, und mit ihm den Fisch, der unter ihm am Himmel schwimmt (I ii 19–20).

Ea, sumerisch Enki, ist der Herr des süßen Wassers aus der Tiefe und ein Gott der Weisheit. Der Wassermann war also kein Bild eines Dieners – er war das Bild eines der höchsten Götter.

Ströme aus den Schultern

Wie man sich diesen Gott vorstellte, zeigt ein kleines Rollsiegel im British Museum. Es gehörte einem Schreiber namens Adda, stammt aus Sippar und ist rund 4300 Jahre alt. Ea steht darauf mit einem Fuß auf einem Berg; aus seinen Schultern fließen Wasserströme, und in ihnen schwimmen Fische.

Das ist der Kern, der dem Wassermann geblieben ist: strömendes Wasser, das von einer Gestalt ausgeht. Aus den Strömen an den Schultern wurde im griechischen Bild ein Krug, den eine Gestalt ausgießt. Wie genau dieser Wechsel geschah, ist nicht belegt; geblieben ist das Wasser, verschwunden ist der Gott.

Ein Himmel voller Ea

Der Große steht nicht allein. Vor ihm am Himmel liegt der Ziegenfisch, das Tier des Ea; unter ihm schwimmt der Fisch, den MUL.APIN ebenfalls mit Ea verbindet. In diesem Abschnitt des Himmels sammeln sich die Bilder eines einzigen Gottes. Der Astronomiehistoriker John H. Rogers rechnet die Tierkreisbilder zur Gruppe der Götter und ihrer Symbole – hier sieht man das besonders deutlich.

Vom Gott zum Mundschenk

Die Griechen nannten das Sternbild Hydrochoos, den Wassergießer. Aratos beschreibt im 3. Jahrhundert v. Chr., wie er seine Rechte neben dem Kopf des Pferdes ausstreckt und hinter dem Ziegengehörnten steht (282–284). In der griechischen Sage wurde aus ihm Ganymed, der trojanische Prinz, den Zeus auf den Olymp holte, damit er den Göttern Nektar ausschenkt.

Damit hat sich das Bild umgekehrt. In Babylon war der Wasserbringer der Große selbst, der Gott, von dem das Wasser ausgeht. Bei den Griechen ist er ein Jüngling, der den Göttern dient. Es ist das Gegenstück zum Weg des Widders: Dort wurde aus einem Tagelöhner das Tier mit dem goldenen Vlies, hier aus einem Gott ein Diener.

Wasser und Jahreszeit

Der spätantike Gelehrte Macrobius liest auch den Wassermann als Bild der Sonne (Saturnalia 1,21): Er zeige ihre Kraft, die Feuchtigkeit emporzieht, damit sie als Regen fällt. Dass sich die Wasserbilder gerade dort sammeln, wo die Sonne im Winter steht, wird oft mit der Regenzeit erklärt. Belegen lässt sich das nicht; es ist eine naheliegende Vermutung.

Die Deutungstradition zählt den Wassermann übrigens zu den Luftzeichen, nicht zu den Wasserzeichen – obwohl er Wasser trägt. Die Urform gibt dem eine eigene Pointe: Er ist nicht das Wasser selbst, sondern der, von dem es ausgeht und der es weitergibt.

Dein Wassermann

Steht deine Sonne im Wassermann, etwa zwischen dem 20. Januar und dem 18. Februar, trägst du das Zeichen eines Gottes, der vom Großen zum Mundschenk wurde. Mehr über die griechische Sage erzählt der Beitrag über Ganymed. Auf der Startseite siehst du mit deinem Geburtsdatum dein Sonnenzeichen; der Weg des Westlichen Zodiaks zeigt, wo der Wassermann in deinem Chart steht.

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