Astrologie

Woher unsere Sternzeichen stammen: Vom babylonischen Himmel zum Tierkreis
Ein Tagelöhner, eine Saatfurche und zwei Schwänze – die Urbilder der zwölf Zeichen und warum sie so aussehen

Die zwölf Zeichen sind keine griechische Erfindung. Die meisten standen schon in Babylon am Himmel – manche als ganz andere Gestalten.

· 4 Min. Lesezeit

Ein goldenes Band von Sternbildern über Babylon – Stier, Pflüger mit Furche, Ähre, Ziegenfisch, Waage und geflügelter Bogenschütze –, am Horizont eine Zikkurat, vorn eine Tontafel

Älter als die Griechen

Wer nach dem Ursprung der Sternzeichen fragt, landet nicht in Athen, sondern im Zweistromland. Das Keilschrift-Kompendium MUL.APIN, nach der Edition von Hermann Hunger und David Pingree um 1000 v. Chr. zusammengestellt, nennt die Sternbilder, die auf der Bahn des Mondes stehen. Unter ihnen sind die Vorläufer fast aller unserer Tierkreisbilder, dazu andere wie die Plejaden und der Hirte des Anu, unser Orion.

Aus vielen Bildern werden zwölf Zeichen

Gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. machten babylonische Astronomen aus diesen Bildern ein Rechenwerkzeug: zwölf gleiche Abschnitte zu je 30 Grad, benannt nach den Sternbildern in ihrer Nähe. John P. Britton hat diesen Schritt in seinen Studien zur babylonischen Mondtheorie untersucht. Zwölf mal dreißig ergibt dreihundertsechzig – so viele Tage hatte schon das ideale Jahr in MUL.APIN, zwölf Monate zu dreißig Tagen. Die ältesten bekannten Horoskope, beide für Geburten im Jahr 410 v. Chr., nennen die Planeten bereits in diesen Zeichen.

Von dort gelangten Zeichen und Bilder zu den Griechen, die sie übersetzten und mit eigenen Sagen versahen. Aus dem Zeichen wurde ein Maß, aus dem Bild eine Geschichte – und beide tragen bis heute denselben Namen.

Die zwölf Urbilder

Der Widder war in Babylon LÚ.ḪUN.GÁ, der Lohnarbeiter – ein Tagelöhner, kein Tier. Wie aus ihm ein Widder wurde, ist nicht sicher geklärt; eine verbreitete Erklärung verweist darauf, dass späte Texte den Namen nur mit dem Zeichen LU abkürzen, das sich auch als „Schaf“ lesen lässt. Der Stier war der Himmelsstier. Die Zwillinge hießen „die großen Zwillinge“; MUL.APIN nennt sie Lugalirra und Meslamtaea, zwei Götter – die Griechen sahen in ihnen Kastor und Polydeukes. Krebs und Löwe waren schon damals Krebs und Löwe.

Die Jungfrau war ursprünglich die Saatfurche. MUL.APIN setzt sie mit der Göttin Šala gleich, der Ähre – deshalb hält die Jungfrau bis heute eine Ähre in der Hand, und ihr hellster Stern heißt lateinisch Spica, „Ähre“. Die Waage (zibānītu) war schon eine Waage, der Skorpion ein Skorpion. Der Schütze geht auf den Gott Pabilsag zurück; auf babylonischen Grenzsteinen erscheint ein geflügelter Bogenschütze mit Pferdeleib und Skorpionschwanz, und in hellenistischer Zeit wird Pabilsag selbst als Kentaur dargestellt.

Der Steinbock war der Ziegenfisch SUḪUR.MAŠ, das Tier des Wassergottes Ea. Der Wassermann war GU.LA, „der Große“, mit Strömen aus seinen Krügen. Und die Fische gehen auf zwei Bilder zurück, die Schwänze der Schwalbe und die Göttin Anunītu. Die Griechen machten daraus zwei Fische, deren Schwänze ein Band verbindet; Aratos beschreibt sie so.

Warum gerade diese Gestalten

Die Gründe sind nicht für alle Bilder dieselben, und oft sind sie jünger als die Bilder selbst. Vier Spuren lassen sich unterscheiden.

Götter und ihre Zeichen. Der Astronomiehistoriker John H. Rogers unterscheidet am babylonischen Himmel Bilder der Götter und ihrer Symbole von Bildern aus dem bäuerlichen Leben, die einen Kalender für die Feldarbeit gaben. Die Tierkreisbilder rechnet er zur ersten Gruppe. Der Ziegenfisch des Ea, die Ähre der Šala, die Zwillingsgötter, der Bogenschütze Pabilsag: Hier stehen Götter und ihre Wahrzeichen am Himmel, keine Charaktere.

Umdeutungen. Manche Bilder haben unterwegs ihre Gestalt gewechselt. Der Lohnarbeiter wurde zum Widder, die Furche zur Jungfrau mit der Ähre. Die Waage sahen die Griechen als Scheren des Skorpions, bis sie im lateinischen Westen wieder zur Waage wurde.

Der Lauf der Sonne. Spätere Gelehrte lasen die Tiere als Bilder des Sonnenjahrs. Macrobius erklärt im 5. Jahrhundert n. Chr., der Krebs zeige mit seinem schrägen Gang den Weg der Sonne, die nie gerade zieht, und der Steinbock führe die Sonne nach der Wintersonnenwende wieder nach oben wie die Ziege, die immer die Felsen hinaufstrebt (Saturnalia 1,21,23 und 25). Vergil verbindet die Waage mit dem Tag, an dem Tag und Nacht gleich lang sind (Georgica 1,208). Das sind Deutungen aus Rom, keine babylonischen Begründungen.

Griechische Sagen. Schließlich legten die Griechen ihre Geschichten über die alten Bilder: Ganymed als Wassermann, Pan auf der Flucht vor Typhon als Steinbock, Venus und Amor als Fische, die – so erzählen es die Hyginus zugeschriebenen Sternsagen (2,30) – vor demselben Ungeheuer in den Euphrat sprangen. Die Sage erklärt das Bild, geschaffen hat sie es nicht.

Zeichen und Sternbilder sind nicht dasselbe

Ein letzter Unterschied klärt viele Missverständnisse. Die Sternbilder sind ungleich groß, die Zeichen sind gleich lange Abschnitte von 30 Grad. Und seit der Antike wandert der Frühlingspunkt langsam rückwärts durch die Sternbilder, die Präzession. Der westliche, tropische Tierkreis hält die Zeichen an den Jahreszeiten fest – der Widder beginnt immer am Frühlingsanfang, wie es Ptolemäus begründet. Der siderische Tierkreis des Jyotish hält sie an den Sternen fest. Heute liegen beide rund 24 Grad auseinander.

Deine Zeichen

Hinter jedem Sternzeichen steht also eine lange Reihe von Bildern: ein babylonisches Urbild, ein griechischer Name, oft eine Sage und eine römische Deutung. Der Westliche Zodiak rechnet in ASTROlogic tropisch, Jyotish siderisch nach Lahiri. Mit deinem Geburtsdatum siehst du auf beiden Wegen, in welchem Zeichen deine Sonne steht – und warum sie dort manchmal verschiedene Namen trägt.

Wege in diesem Beitrag

Westl. ZodiakJyotish

Weiterlesen