Astrologie

Die Saatfurche: Die Urform der Jungfrau
Warum die Jungfrau eine Ähre hält – von der Göttin Šala bis zur Gerechtigkeit, die die Erde verließ

Bevor sie eine Jungfrau war, war sie eine Furche im Acker. Ihr hellster Stern trägt bis heute den Namen dessen, was dort wächst.

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Eine lange Furche zieht über einen dunklen Acker zu einer leuchtenden Ähre, vorn ein hölzerner Pflug, darüber eine Göttin aus Sternen, die im Profil eine Ähre hält

Eine Furche am Himmel

Das sechste Zeichen zeigt heute eine junge Frau. In Babylon war es ein Stück Acker. Das Keilschrift-Kompendium MUL.APIN, um 1000 v. Chr. zusammengestellt, nennt das Sternbild AB.SÍN, die Saatfurche – die Rinne, die der Pflug in die Erde zieht und in die das Saatgut fällt.

Wie selbstverständlich der Ackerbau zu diesem Himmel gehört, zeigt schon der Name des Kompendiums: MUL.APIN heißt „Pflugstern“, nach dem Sternbild, mit dem seine erste Tafel beginnt. Am babylonischen Himmel gab es den Pflug und die Furche.

Šala, die Ähre

MUL.APIN setzt die Furche mit einer Göttin gleich: Šala, der Ähre. Šala war, wie Kathryn Stevens im Nachschlagewerk Ancient Mesopotamian Gods and Goddesses zusammenfasst, die Gemahlin des Wettergottes Adad und dadurch mit der Fruchtbarkeit der Felder verbunden. Auf mittelbabylonischen Grenzsteinen ist ihr Zeichen die Ähre. Regen, Furche und Korn gehören in diesem Bild zusammen.

Die Ähre hat alle späteren Umdeutungen überlebt. Der hellste Stern der Jungfrau heißt bis heute Spica, lateinisch „Ähre“, und Aratos beschreibt die Jungfrau im 3. Jahrhundert v. Chr. als Gestalt, die eine leuchtende Ähre in den Händen trägt. Die Furche ist vom Himmel verschwunden, die Göttin wurde zur Jungfrau – die Ähre blieb.

Dike, die Gerechtigkeit

Die Griechen sahen in der Gestalt mit der Ähre eine Jungfrau, Parthenos, und Aratos gibt ihr eine eigene Geschichte (96–136). Sie sei Dike gewesen, die Gerechtigkeit. Im goldenen Zeitalter lebte sie unter den Menschen und sprach mit ihnen von Angesicht zu Angesicht. Als die Geschlechter schlechter wurden, zog sie sich zurück, und schließlich floh sie zum Himmel.

Die Römer erzählten weiter. Bei Ovid verlässt die Jungfrau Astraea als letzte der Himmlischen die von Blut getränkte Erde (Metamorphosen 1,149–150). Vergil nennt das Sternbild Erigone (Georgica 1,33). Aus einer Göttin des Korns war eine Gestalt der Moral geworden: die, die geht, wenn die Menschen das Maß verlieren.

Was das Bild erzählt

Neben der Jungfrau steht am Himmel die Waage. Spätere Leser haben beide zusammengesehen, die Gerechtigkeit und ihre Waage. In den antiken Texten, auf die sich dieser Beitrag stützt, steht das so nicht; es ist eine naheliegende, aber spätere Verbindung.

Die Deutungstradition liest die Jungfrau als Erdzeichen der Sorgfalt, der Ordnung und des Dienstes. Die Urform erklärt manches davon: Eine Furche will gezogen, gepflegt und abgeerntet werden. Was auf ihr wächst, entsteht nicht aus einem großen Wurf, sondern aus der Arbeit vieler kleiner Tage.

Deine Jungfrau

Steht deine Sonne in der Jungfrau, etwa zwischen dem 23. August und dem 22. September, trägst du ein Zeichen, das älter ist als jede Jungfrau: die Furche und die Ähre. Auf der Startseite siehst du mit deinem Geburtsdatum dein Sonnenzeichen; der Weg des Westlichen Zodiaks zeigt, wo die Jungfrau in deinem Chart steht.

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