Astrologie

Der Ziegenfisch: Die Urform des Steinbocks
Warum das zehnte Zeichen einen Fischschwanz trug, bevor es auf die Berge stieg

Vorn Ziege, hinten Fisch: So stand der Steinbock schon in Babylon am Himmel. Ein Gott des Wassers, ein Gott auf der Flucht und ein Kaiser haben das Bild geprägt.

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Ein Ziegenfisch mit Hörnern und gewundenem Fischschwanz steigt aus dunklem Wasser, daneben ein alter Grenzstein mit Sternen, Mond und Bergen unter dem Sternenhimmel

Ein Tier, das es nicht gibt

Das Deutsche nennt das zehnte Zeichen nach einem Tier der Alpen, dem Steinbock. Die älteren Namen sind vorsichtiger: Lateinisch Capricornus und griechisch Aigokerōs heißen beide „der Ziegengehörnte“. Gezeigt wurde das Zeichen über Jahrhunderte als Mischwesen – vorn eine Ziege mit Hörnern und Vorderläufen, hinten ein gewundener Fischschwanz. Der deutsche Name behält nur die vordere Hälfte.

Dieser Ziegenfisch ist kein spätes Fantasiewesen und keine Verzierung mittelalterlicher Buchmaler. Er ist die älteste fassbare Gestalt des Zeichens.

Das Tier des Gottes Ea

Im Keilschrift-Kompendium MUL.APIN, nach Hermann Hunger und David Pingree um 1000 v. Chr. zusammengestellt, steht unter den Sternbildern auf der Bahn des Mondes SUḪUR.MAŠ, der Ziegenfisch. Das Bild selbst ist noch älter. Auf den kudurru, den Grenz- und Schenkungssteinen, die seit der Kassitenzeit im 2. Jahrtausend v. Chr. gesetzt wurden, wachen die Symbole der Götter über die Urkunde – und der Ziegenfisch ist das Zeichen des Gottes Ea. So ordnet es Ursula Seidl in ihrem Verzeichnis der Kudurru-Reliefs.

Ea, sumerisch Enki, ist der Herr des süßen Wassers aus der Tiefe, aus dem nach babylonischer Vorstellung Quellen und Flüsse kommen, und ein Gott der Weisheit und des Handwerks. Ein Wesen, das zugleich auf dem Land steht und im Wasser schwimmt, passt zu ihm. Der Astronomiehistoriker John H. Rogers rechnet die Tierkreisbilder zur Gruppe der Götter und ihrer Symbole; der Ziegenfisch ist das deutlichste Beispiel dafür.

Am Himmel folgt auf den Ziegenfisch der Wassermann, in Babylon GU.LA, „der Große“, dann die Fische. Dass sich gerade in diesem Abschnitt die Wasserwesen sammeln, wird oft mit der Regenzeit erklärt, in der die Sonne ihn durchlief. Belegen lässt sich diese Erklärung nicht; sie ist eine Vermutung, wenn auch eine naheliegende.

Pan im Fluss: die griechische Sage

Die Griechen fanden für das fremde Bild eine eigene Geschichte. Die Sternsagen, die unter dem Namen Hyginus überliefert sind, berichten sie im zweiten Buch (2,28): Das Bild gleiche Aigipan, dem Ziegengott. Nach einer Erzählung, die Hyginus ägyptischen Priestern und einigen Dichtern zuschreibt, überfiel das Ungeheuer Typhon die versammelten Götter; die anderen flohen in fremden Gestalten, Pan aber sprang in einen Fluss. Sein hinterer Teil wurde zum Fisch, der vordere blieb ein Bock. Jupiter bewunderte die List und setzte das Bild unter die Sterne.

Wie beim Wassermann und Ganymed gilt: Das Sternbild ist älter als die Sage. Die griechische Geschichte erklärt nachträglich, warum eine Ziege einen Fischschwanz hat – erfunden hat sie das Bild nicht.

Wo die Sonne wieder steigt

Eine zweite Begründung kam aus dem Lauf der Sonne. Mit dem Steinbock beginnt der Abschnitt nach der Wintersonnenwende: Die Sonne hat ihren tiefsten Stand erreicht und steigt wieder. Der spätantike Gelehrte Macrobius deutet das Tier genau so (Saturnalia 1,21,25). Der Steinbock führe die Sonne aus der Tiefe nach oben zurück und ahme dabei die Ziege nach, die unten weidet und doch immer die Höhe der Felsen sucht.

Daher hat auch der Wendekreis des Steinbocks seinen Namen, die Breite, über der die Sonne zur Wintersonnenwende senkrecht steht. Am Sternhimmel steht die Sonne zu diesem Zeitpunkt heute im Sternbild Schütze; die Präzession hat die Sternbilder verschoben. Der Name blieb, weil der tropische Tierkreis die Zeichen an den Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen beginnen lässt, wie es Ptolemäus begründet.

Das Zeichen des Kaisers

Berühmt wurde der Ziegenfisch in Rom. Sueton berichtet in seiner Lebensbeschreibung des Augustus (94,12), der Kaiser habe so fest auf sein Schicksal vertraut, dass er sein Horoskop öffentlich machte und eine Silbermünze mit dem Zeichen des Steinbocks prägen ließ, unter dem er geboren war. Auf diesen Münzen erscheint das Zeichen mit seinem Fischschwanz.

Was Sueton mit „geboren unter dem Steinbock“ meint, sagt er nicht. Denselben Kaiser lässt er am 23. September zur Welt kommen (Kap. 5), die Sonne kann also kaum gemeint sein. Die Historikerin Tamsyn Barton hat gezeigt, wie vieldeutig das Zeichen astrologisch gelesen werden konnte – und wie gut gerade diese Vieldeutigkeit der Selbstdarstellung des Kaisers diente.

Dein Steinbock

Steht deine Sonne im Steinbock, etwa zwischen dem 22. Dezember und dem 20. Januar, trägst du ein Zeichen mit zwei Hälften. Die Deutungstradition hat meist nur die Ziege gelesen – den Aufstieg, die Ausdauer, den festen Tritt. Der Fischschwanz erinnert daran, dass das Bild ursprünglich auch dem Wasser und der Tiefe gehörte. Auf der Startseite siehst du mit deinem Geburtsdatum dein Sonnenzeichen; der Weg des Westlichen Zodiaks zeigt, wo der Steinbock in deinem Chart steht.

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