Astrologie

Der Lohnarbeiter: Die Urform des Widders
Wie ein babylonischer Tagelöhner zum Tier mit dem goldenen Vlies wurde

Das erste Zeichen des Tierkreises war in Babylon kein Tier, sondern ein Mann, der für Lohn arbeitet. Die Spur zum Widder führt über einen Hirtengott.

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Ein Hirte mit Stab geht auf einem Feldweg in den Morgen, über ihm ein Widder aus feinen Sternlinien, rechts auf einem Hügel eine Zikkurat mit erleuchtetem Tor

Ein Mensch, kein Tier

Heute eröffnet der Widder den Tierkreis, ein Tier mit gewundenen Hörnern. In Babylon stand an dieser Stelle ein Mensch. Das Keilschrift-Kompendium MUL.APIN, nach der Edition von Hermann Hunger und David Pingree um 1000 v. Chr. zusammengestellt, nennt das Sternbild LÚ.ḪUN.GÁ, den Lohnarbeiter – einen Mann, der gegen Lohn auf fremden Feldern arbeitet.

Der Astronomiehistoriker John H. Rogers unterscheidet am babylonischen Himmel Bilder der Götter und ihrer Symbole von Bildern aus dem bäuerlichen Leben, die einen Kalender für die Feldarbeit gaben. Ein Tagelöhner klingt nach der zweiten Gruppe. Doch MUL.APIN gibt ihm zugleich einen göttlichen Namen.

Dumuzi, der Hirte

Vom Stern, der hinter der Göttin Anunītu steht, heißt es in MUL.APIN: der Lohnarbeiter, Dumuzi (I i 43). Dumuzi ist in der mesopotamischen Überlieferung der Hirtengott und Geliebte der Inanna. Ein Hirte und ein Schaf liegen nah beieinander – über Dumuzi, so lautet eine verbreitete Erklärung, fand der Lohnarbeiter zu seinem Tier.

Eine zweite Erklärung liegt in der Schrift: Späte Texte kürzen den Namen oft mit dem Zeichen LU ab, das sich auch als „Schaf“ lesen lässt. Wann genau aus dem Mann ein Widder wurde, lässt sich nicht sagen; Bilder des Sternbilds aus der Zeit dazwischen fehlen. Sicher ist nur das Ergebnis: Die griechischen Astronomen kannten an dieser Stelle einen Widder, Krios.

Das goldene Vlies

Die Griechen gaben dem Tier eine Geschichte. Nach den Sternsagen, die unter dem Namen Hyginus überliefert sind (2,20), ist es der Widder, der die Geschwister Phrixos und Helle über das Meer trug. Phrixos erreichte Kolchis, opferte den Widder und hängte sein goldenes Vlies im Tempel auf.

Am Himmel selbst ist der Widder unscheinbar. Aratos beschreibt ihn im 3. Jahrhundert v. Chr. als schwach und fast ohne Sterne – und doch laufe er die längste Bahn so schnell wie die Sterne beim Pol (225–232). Er steht nahe dem Himmelsäquator, dem größten Kreis, den die Sterne ziehen. Das erste Zeichen ist also kein helles: Es ist eines, das viel Weg zurücklegt.

Warum der Widder vorn steht

Dass der Widder den Kreis eröffnet, hat mit dem Frühling zu tun. Claudius Ptolemäus begründet im 2. Jahrhundert n. Chr., warum die Zeichen vom Frühlingspunkt aus gezählt werden. Durch die Präzession ist dieser Punkt seither rückwärts gewandert und liegt heute im Sternbild Fische. Das Zeichen Widder beginnt im tropischen Tierkreis trotzdem weiter am Frühlingsanfang.

Die Deutungstradition liest den Widder als Zeichen des Anfangs und des Antriebs. Das Bild selbst erzählt vielschichtiger: von einem Mann, der für andere arbeitet, von einem Hirten und von einem Tier, das trägt, bis es geopfert wird.

Dein Widder

Steht deine Sonne im Widder, etwa zwischen dem 21. März und dem 20. April, trägst du das Zeichen, mit dem das tropische Jahr beginnt. Auf der Startseite siehst du mit deinem Geburtsdatum dein Sonnenzeichen; der Weg des Westlichen Zodiaks zeigt, wo der Widder in deinem Chart steht und was die Tradition darin liest.

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