Astrologie
Die Waage: Das einzige Sternzeichen ohne Lebewesen
Warum im Tierkreis ein Gerät hängt – und die Griechen lieber Scheren sahen
Elf Zeichen sind Tiere, Menschen oder Mischwesen. Nur eines ist ein Gegenstand. Die Spur führt nach Babylon, zu einem Skorpion mit langen Scheren und zu Vergil.
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Ein Gerät im Kreis der Lebewesen
Widder, Stier, Krebs, Löwe, Skorpion und Fische sind Tiere. Zwillinge, Jungfrau und Wassermann sind Menschen. Schütze und Steinbock sind Mischwesen, halb Mensch und halb Pferd, halb Ziege und halb Fisch. Die Waage ist das einzige Zeichen, das kein Lebewesen zeigt, sondern ein Gerät, das Menschen gebaut haben – das einzige unbeseelte Zeichen unter lauter beseelten.
Wie sehr sie aus der Reihe fällt, verrät schon der Name des Ganzen. Das griechische zōdiakos kyklos ist der Kreis der zōdia, der kleinen Figuren; das Wort ist eine Verkleinerung von zōon, Lebewesen. Das Deutsche hat daraus den „Tierkreis“ gemacht. Eine Waage ist weder Tier noch Lebewesen, und doch steht sie seit über zweitausend Jahren an siebter Stelle dieses Kreises.
In Babylon schon eine Waage
Die Waage ist älter als ihr lateinischer Name. Das Keilschrift-Kompendium MUL.APIN, nach der Edition von Hermann Hunger und David Pingree um 1000 v. Chr. zusammengestellt, zählt die Sternbilder auf, die auf der Bahn des Mondes stehen. Eines davon ist zibānītu, die Waage. Neben ihr stehen der Himmelsstier, der Löwe, der Skorpion und der Ziegenfisch – Bilder, aus denen später unser Tierkreis wurde.
Der Astronomiehistoriker John H. Rogers unterscheidet am babylonischen Himmel zwei Gruppen: Bilder der Götter und ihrer Symbole und Bilder aus dem bäuerlichen Leben, die einen Kalender für die Feldarbeit gaben. Die Tierkreisbilder rechnet er zur ersten Gruppe. Die Waage wäre dann kein Zufall, sondern ein Sinnbild unter anderen. Warum gerade diese Sterne eine Waage wurden, sagen die erhaltenen Texte allerdings nicht – wer es mit Gewissheit behauptet, deutet.
Bei den Griechen ein Teil des Skorpions
Die Griechen übernahmen die babylonischen Sternbilder, aber dieses eine sahen sie anders. Im Lehrgedicht Phainomena des Aratos aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. heißen die Sterne Chēlai, die Scheren: Der Skorpion greift mit seinen Scheren weit nach vorn und füllt zwei Abschnitte des Kreises. So gesehen war der griechische Tierkreis vollständig belebt. Wo Babylon ein Gerät sah, sahen die Griechen den Teil eines Tieres.
Rom setzt die Waage zurück an ihren Platz
Im lateinischen Westen kehrte das Gerät zurück. Wie offen die Frage um die Zeitenwende war, zeigt ein einziges Gedicht, Vergils Georgica. Zu Beginn des ersten Buches malt Vergil aus, Caesar – gemeint ist Octavian, der spätere Augustus – könne einst als neues Gestirn zwischen der Jungfrau und den Scheren Platz nehmen; der glühende Skorpion ziehe für ihn schon seine Arme zurück (1,32–35). Gut hundertsiebzig Verse später heißt dasselbe Sternbild Libra, die Waage, die die Stunden von Tag und Schlaf gleich macht (1,208).
Mit diesem zweiten Vers ist die bekannteste Erklärung des Namens ausgesprochen: Zur Herbst-Tagundnachtgleiche sind Tag und Nacht gleich lang, die Waage steht im Gleichgewicht. Claudius Ptolemäus begründet im 2. Jahrhundert n. Chr., warum die Zeichen an den Tagundnachtgleichen und Sonnenwenden beginnen; seither beginnt die Waage am Herbstpunkt. Ob die Babylonier beim Namen dasselbe im Sinn hatten, ist eine naheliegende, aber unbewiesene Vermutung.
Was das Bild erzählt
Dass ausgerechnet das siebte Zeichen ein Werkzeug ist, hat seine Deutung geprägt. Andere Zeichen verkörpern einen Antrieb – das Vorpreschen des Widders, das Beharren des Stiers. Die Waage verkörpert einen Vorgang: wägen, vergleichen, ausgleichen. Eine Waage braucht immer zwei Schalen. Die Deutungstradition liest das Zeichen deshalb als Bild für Beziehung, Maß und Ausgleich und ordnet es der Venus zu.
Das Unbeseelte ist dabei kein Mangel. Ein Gerät handelt nicht aus sich selbst, es zeigt an, was man hineinlegt. Wer so liest, sieht in der Waage weniger einen Charakter als eine Frage: Was liegt auf der einen Schale, was auf der anderen – und wer hält die Waage?
Deine Waage
Steht deine Sonne in der Waage, etwa zwischen dem 23. September und dem 22. Oktober, trägst du das einzige Zeichen, das ein Mensch gebaut hat. Die Waage kann auch dein Mond- oder Aufgangszeichen sein. Auf der Startseite siehst du mit deinem Geburtsdatum sofort dein Sonnenzeichen; der Weg des Westlichen Zodiaks erzählt, wo die Waage in deinem Chart steht und was die Tradition darin liest.
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